Ein Abenteuer und ein kollektives Ritual

von Alain Berset, Bundesrat, Vorsteher des Eidgenössischen Departements des Innern EDI 

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Locarno ist filmisches Abenteuer und gesellschaftliches Ritual zugleich. Eine liebgewonnene Gewohnheit mit charmant subversivem Charakter. Ein unverwüstliches Tessiner Idyll mit internationaler Ausstrahlung im hektischen Alltag – und gleichzeitig Jahr für Jahr eine freundliche Einladung, unser Weltbild erschüttern oder doch wenigstens, helvetisch massvoll, leise erzittern zu lassen. 

Nie war dieses doppelte Erlebnis wichtiger als in diesem Sommer, wo wir alle hoffen, dass sich das schwierigste Kapitel unserer Nachkriegsgeschichte endlich seinem Ende zuneigt. Nie waren wir erpichter darauf, endlich wieder mit anderen Menschen zusammen in einem Kinosaal zu sitzen – oder, noch besser: auf der Piazza Grande. Nie waren die Erwartungen höher an herausragende Filme und deren Kraft, uns bei der Orientierung in einer Welt zu helfen, die uns wieder vertrauter erscheint als in den letzten eineinhalb Jahren – und trotzdem irgendwie fremd. 

Niemand weiss, wie diese Post-Covid-Welt aussehen wird. Aber eines wissen wir: Wir brauchen den Film, die Festivals, die Inspiration und den Austausch, um uns seelisch und geistig allmählich auf diese neue Normalität einzustellen, die sich wahrscheinlich noch lange nicht normal anfühlen wird.